ICH, der giftzwergMÄÄN, habe auch DICH im Auge! Eigentlich UNS alle.
Mein giftiger Stinkefinger ist die boshafte Kolumne/auch Satire, zuverlässig "politisch inkorrekt" *
- ein Ventil zum Alltäglichen in unserer Zeit u. Welt. Und natürlich bin ich, wie jeder andere auch, in letzter Konsequenz mitunter widersprüchlich. Das ist unumgänglich - niemand ist frei davon!
Es geht hier nicht in erster Linie um die ganz großen Themen der Zeit/Probleme der Menschheit - die tagtäglichen Ärgernisse sind es, die bei mir nach einem Regulativ schreien – Berichte aus einer oft schon recht madigen Welt.
Gut, ich könnte es abperlen lassen, cool darüber stehen, den "Geht-Mich-Nix-An" mimen, man kann es zeitgemäß optisch und akustisch verdrängen, damit es einen nicht krank macht – Ohrstöpsel, Glotze, die heute gängigen Ablenkungen also. Oder hier, mein Versuch: Einfach mal auskotzen - mich ohne Bedenken und bangevolle Rücksicht freimachen - für das eigene Dasein eine Schadensbegrenzung vornehmen - nach dem Motto "Alles muß raus!" Das kann sooo gut tun, mir behagt das letztlich.

Aussprüche, die mir hierbei helfen:
"Das ist der ganze Jammer: die Dummen sind so sicher und die Gescheiten voller Zweifel."
(Bertrand Russell)
Ich sage: gehen wir hin und zweifeln alles an, Grund genug besteht!
"Satire darf alles" meinte Tucholsky's Kurtchen.
Das hatte ich lange Zeit bezweifelt, unter Vorbehalt gesehen, aber jetzt sage ich:
Gut, der Mann!

*political correctness ... soll ein Fremdwort bleiben


Dienstag, 6. März 2018

die Elastizität des Herzens

Herz(stöhn)

Höre auf dein Herz
(grübel)
Hinterfrage dein Herz
(seufz)
Sei voll des Herzens
(ächz)
Folge deinem Herzen
(hechel)
Erleichtere dein Herz
(kotz)
Sei frohen Herzens
(jodel)


(Und lebe deinen Traum)
YIPPIE!!!

Donnerstag, 22. Februar 2018

Zuverlässig geregelte Alltagserwartung

Der Heimkehrer
Wenn ich von einem Winteraufenthalt zurückkehre, begegne ich früher oder später meiner Nachbarin aus Thüringen. Und so kommt es seit Jahr und Tag zu einer regelmäßigen Wiederholung. Diesmal habe ich es erweitert – es wird nicht wieder geschehen…schätze ich mal.
Ach, Herr Becher, Sie sind wieder da? Waren Sie wieder in MaLLorca?“
Erstens ja, zweitens nein: ich war, wie immer, AUF La Palma.
Ach ja stimmt, Las Palmas – ich kann es mir so schlecht merken. Manchmal sage ich ja auch Teneriffa, nicht wahr?“ (kicher, kicher)
Ich bin ehrlich gesagt schon froh, wenn Sie nicht Madagaskar oder Borkum sagen.
Aber schön braun sind Sie! Es war bestimmt schööön sonnig?“
Ja, das ist so in der Sonne, dort. Aber ich habe eh eine Grundbräune, mein Migrationshintergrund.
Wie?“
Nun ja, meine Eltern – Ostpreußen und Schlesien – der braune Osten.
Aber…“
Pardon, nicht Osten – Ferner Osten natürlich. Oder sollte ich sagen: Entfernter Osten?
Ich hab noch zu tun.“


Samstag, 3. Februar 2018

Depressionen

Die Sache mit dem verschlossenen Haus
(ein kurzer Abriß zur Verständlichkeit)
Depression? Kopf hoch, einfach mal zusammenreißen – fertig. Danke, das hilft ungemein, muß einem ja nur mal gesagt werden.
Heutzutage wird schon mehr verstanden, dennoch mache ich hier nun den Versuch, es ganz einfach zu erklären. Und was läge näher, als sich der Materie mit einem uralten Witz zu nähern: Was ist der Unterschied zwischen geistiger und seelischer Erkrankung? Der Geisteskranke antwortet auf die Frage, wieviel ist zwei und zwei : „Es ist Quadratur aus der Tomate Bio-total 123xy45 aus der Quotientenwurzel Hauptbahnhof minus Pi hoch 0,wx5“ …und endlos so weiter. Verrückt. Der seelisch Kranke antwortet:“Zwei und zwei ist vier….aber (seufz) das macht mich soooo ungeheuer traurig…“
Ich schildere es zumeist so, was Depression ist: Der Erkrankte schließt sich im Haus ein und wirft den Schlüssel aus dem Fenster auf die Straße. Unverständlich, natürlich, es ist ja auch krank und diese Form der Erkrankung nicht gegenständlich „begreifbar“ wie beispielsweise Aids, Krebs, Herzleiden oder Lähmung. Es ist nicht faßbar, nicht körperlich – und genau das macht es so verdächtig. Und wenn uns etwas suspekt erscheint, da machen wir einen Bogen, schauen weg, wir können nicht damit umgehen, weil wir es uns nicht vorzustellen vermögen. Da liegt also ein Schlüssel auf dem Weg, der nicht groß bemerkt wird, und es wird darüber gefahren, hinweg gehastet, ab und an weicht jemand aus. Manchmal legt ihn irgendwo jemand auf ein Mäuerchen, dann weiter im Trott. Der Therapeut, es ist ja sein Beruf, hebt den Schlüssel auf, steckt ihn ins Schloß, öffnet, ruft und erstellt die Rechnung – und es liegt am Erkrankten, ob er das Haus verläßt.
Und dann gibt es noch die ganz wenigen, erlesenen Menschen, die kommen herein und begleiten mit vollem Herzen den Eingeschlossenen aus dem Haus heraus.
Und für EUCH, die ich zuletzt geschildert habe, schreibe ich. Alle, die mögen, können meine Texte lesen – aber gewidmet sind sie diesen besonderen Menschen.


Donnerstag, 11. Januar 2018

Mein Onkel, der olle Stromer

Mein Onkel, der olle Stromer

Vor Jahren besuchte ich meinen Onkel Heribert im betreuten Wohnen – und ein Abgrund tat sich auf. Vorausschicken muß ich, daß er dort seit einigen Jahren eine kleine Wohnung im Seniorenzentrum mit seiner Lebensgefährtin Olga teilte (Tante Irmi hatte er bereits entsorgt – ja, klingt heftig, aber er war auch eine schlimme Nummer, eine harte Nuß sozusagen), und Olga hatte es sich auf die Fahne geschrieben, ihn zu überleben, aus welchen Gründen auch immer. Sie war acht Jahre jünger, die Chancen schienen gut zu stehen. Aber dann kam dieser dezente Hinweis von ihr am Telefon, ich sollte mal kommen um zu schauen, mehr wollte sie nicht sagen.
Es war der zweite Weihnachtsfeiertag. Ich war bei Onkel Heribert schon viel gewohnt, wir pflegten die letzten Jahre so einen lockeren Kontakt, seit ich in den Ruhestand gegangen war, und der nun Achtundachtzigjährige war auch immer für amüsante Überraschungen gut. Es war Nachmittag, wir aßen Kuchen, auf dem Adventskranz flackerten die bläulichen Flämmchen, alles schien gut. Sonderbar war nur diese kurze Illumination des Christbaumes – also: ich sollte hinschauen, er steckte den Stecker in die Dose, fragte: „Gesehen?“ und schon zog er ihn wieder heraus. Nun gut, wir hatten ja die 4 Kerzen, aber schade, das Tännchen hätte doch weiterleuchten können an diesem trüben Tag. Und es war doch noch Weihnachten! Dann stand ein alter Rühmann-Film an, ich hatte eben die Balkontür wegen des Rauches der Kerzen geöffnet, als mir auffiel, wie er auf seine Armbanduhr schaute und zackig die Stromverbindung herstellte, der Film begann punktgenau. (Das hatte sich übrigens gegenüber früher geändert: Was hatte ich stets gelacht, wenn er die Tagesschau anmachte, auf die Sekunde und sich aufregte, wenn die erste Meldung schon lief…“ Die haben wieder früher begonnen!“ Für mich ein sich garantiert wiederholender Witz.) Wir schauten jetzt verbissen die alte Komödie, wohl eine unmißverständliche Bedingung von Olga, obwohl er meinte, den schon gesehen zu haben und entsprechend unruhig auf seinem Sessel herumrutschte. Jedenfalls war klar, gleich war er zu Ende, da stand Onkel Heribert schon neben der Steckdose – exakt mit Beginn des Abspanns riß er den Stecker raus. Danach erst drückte er den Schalter am Fernsehgerät, und damit ließ er sich dann Zeit.
Es setzte so langsam die endgültige Dämmerung ein, aber mein dezenter Hinweis auf ein wenig erhellende Unterstützung mittels Lampe wurde schnell übergangen mit: „Geht doch noch!“ Nun ja, an den Silhouetten erkannte ich, wer sich wo befand. Schwieriger war es für mich, das Klo, nach innen gelegen, aufzusuchen. Ich hatte den Schalter für das Licht unbesorgt angeknipst, saß noch nicht richtig, da ging das Licht aus und er reichte mir eine Laterne hinein. Die sollte ich mit rausbringen, das machten sie immer so. Nun tauschte ich, soweit erkennbar, Seitenblicke mit Olga, die hinter seinem Rücken mit dem Kopf nickte; ‚na, was habe ich gemeint‘ sollte das heißen, und es wurde mir immer mehr bewußt: Wir befanden uns in einer ganz neuen Dimension. Wir saßen nun um die unbestreitbar schöne Lichtquelle herum. Als wir den Tisch abräumten, nein, kein Licht anmachten: die Laterne stellte er seitlich auf die Arbeitsfläche, wo die Stecker von Toaster, Radio, Kaffeemaschine und Mixer aufgereiht lagen: vor den Steckdosen. Als ich ihn darauf ansprach fragte er mich, ob ich es denn nicht in der Verbrauchersendung gesehen habe: Stecker stets ziehen, sie holen auch bei nicht eingeschalteten Geräten Strom! Sein Thema wohl, er klang beschwörend. Er sei geradezu ein Feind dieser unseligen „Stand-by“-Kontrolllämpchen! Das plättete mich nun doch ein wenig. „Ja, Waschmaschine, sogar Nachttischlämpchen – alles ohne direkte Verbindung zum Stromlieferanten!“ es klang aus dem Munde von Olga tragikomisch. Sein Credo: Erst Stecker ziehen, dann den Ausschalter. Ich mußte tief durchatmen, damit der Lachanfall sich löste. Ernüchtert war ich, als ich erkennen mußte, daß er es gar nicht als Spaß meinte, sondern weiterpredigte, daß es nichts mit Geiz zu tun habe, selbst den Umweltschutz hatte er nur nachrangig in seiner Begründung: Es gehe ihm darum, ein Beispiel zu geben für die anderen Wohneinheiten. Sein Ziel war der geringste Stromverbrauch des ganzen Blocks. Er liege an zweiter Stelle, gleich nach Wohnung zwölf. Olga erklärte, diese stehe leer wegen dringender Renovierung. Nur ab und an werde dort ein elektrisch betriebenes Werkzeug angeschlossen. Das klang nun mächtig beeindruckend.
Eine zweite Laterne mit Teelicht war ihr Geschenk für ihn, er soll sich noch nie so über seine Weihnachtsüberraschung gefreut haben. Ich stellte mir vor, wie die alten Leutchen, ohne Deckenlampen einzuschalten, abends mit Laternen herum wandelten. Sie erwähnte, nicht ohne eine Spur von Spott, daß sie ihm die Fackel, die er anfangs zum Einsatz brachte, schon hatte austreiben wollen – und nach dem Zimmerbrand war es ihm auch beschwörend von der Hausverwaltung nahegelegt worden. Auch dürfe er nicht die Glühbirnen aus den hauseigenen Lampen entfernen! Offenbar war man hier so einiges gewöhnt – von Heribert im Besonderen.
Ich stellte mir vor, er würde mein Haus sehen, diese ganze Technik mit all den Lichtlein – es wäre zu viel für ihn, mit Sicherheit. Ich verabschiedete mich. Beim Verlassen des Wohnzimmers erleuchtete ich noch mal den Weihnachtsbaum. Er kam spornstreichs herbei gehechtet, ratz, Stecker raus, ich hätte doch den Baum schon gesehen – und es klang enttäuscht, ob ich denn so gar nichts begriffen hätte. „Ich wollte ihn nur noch mal sehen“, grinste ich und beendete meinen Besuch.
Sie brachten mich mit der Laterne zur Tür, wir verabschiedeten uns und der Tausch der Blicke mit Olga beinhaltete ihrerseits so ein ‚Ich laß mich nicht unterkriegen‘ und ich mußte auf einmal süffisant denken, wenn sie ihn mit Beharrlichkeit bezwungen hatte, also überlebt – ihr würde wirklich und wahrhaftig ein Licht aufgehen.

Freitag, 3. November 2017

Herr Lehrer, ich weiß was!

Gruseliger wie Gespenster-Hallowien
(so shreklich kann es zugehen – ein Deutsch-Quitz)
Dabei ist doch dieser „herrliche Import-Festtag“ schon vorbei – letzte Nacht ereilte mich der Giga-Mega-Super-GAU: auf einmal …kein Fernsehempfang! Das Einzigste, was mich aber so richtig ausrasten läßt. Ich hatte doch das Film-Highlight ever vorprogrammiert, und nun das! Am liebsten hätte ich sofort die Rückerstattung der Gebühren gefordert, dachte aber daran, es hätte ja der Tornadoorkansturm die Kabelleitung abgetrennt haben können – und dann kämen die orangenen Overalls und ich könnte mich froh schätzen, wenn ich das nicht mit Geld zu bezahlen hätte! Ich erinnerte mich zumindestens zurück, daß Mann persönlich selbst haften tut für die Schäden, die die Versicherung nicht erstattet.
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Viel Spaß bei der Korrektur!
(kleine Hilfe: ein gutes Dutzend Fehler schreit unabdingbar nach Abhilfe, sogar einige mehr zu entdecken ist für Sprachtüftler möglich)


Samstag, 7. Oktober 2017

Flohmarkt mal wieder

Flohmarkt mal wieder
(diesmal von der anderen Seite gesehen)
Ich sehe den Yuppie-Schnösel schon aus zig Metern Entfernung nähertänzeln. Er geleitet eine Grinse-Tussi, in seinem Besitzerarm eingewickelt – sie ist durch und durch blond, das kann ich schon hören.
Ausgerechnet an meinen Bücherkisten verharren sie; also er stoppt den Zweierverbund, mich schräg und schnell geringschätzig musternd. Er hat schon jetzt die volle Punktzahl bei mir.
Schauen wir mal, was wir hier so haben.“ Er klingt genauso wie er ausschaut, großkotzig, scheinbar jovial, selbstverliebt. Oh ja, so einen mag ich auf Anhieb.
Dürrenmatt, na wer sagt‘s denn!“ Natürlich näselt er modern. Prompt hebt sie entsprechend quäkend und kichernd zu „Dürr-was?“ an, da blättert er durch die gebundene Gesamtausgabe; er hat ihr den Schutz seines rechten Armes entzogen, sie schmiegt sich sofort an ihn, weiß so gar nicht, wohin sie schauen soll - ins Buch auf keinen Fall. Sie schaut für alle Fälle zu ihm hoch. Ich warte, daß sie keck ein Beinchen hochstellt – na, kann nicht lange dauern.
Wieviel?“ fragt er hochmütig, und ich weiß, die drei Euro akzeptiert er nicht, er will sich ja in seiner Selbstbewunderung produzieren – und mich nebenher noch vorführen.
Was? Hab‘ ich richtig gehört? Soso, drei Euronen. Nicht gerade meine Preisvorstellung, ist ja hier keine Buchhandlung – kann man am Preis noch was machen?“ Affektiert und breit grinst er mich mit seinem blendend weißen Zahnpasta-Reklame-Gesicht an, derweil sie mit offenem Mündchen aufgeregt von ihm zu mir mit törichtem Augenaufschlag schaut. Er überfliegt das Inhaltsverzeichnis, meint nun glänzen zu müssen und schnarrt: „Nicht mal Es geschah am hellichten Tag ist drin!“ Ich gebe ihm zu verstehen, daß die Novelle im Original schließlich Das Versprechen heiße. Schnell geht er über meinen Einwand hinweg und wendet sich an seine gickelige Schnepfe. „Hat er für den Rühmann geschrieben, weißte!“ Sie schaut ihn leer an. „Der Filmklassiker – kennste!“ schickt er nach, immerzu sich eine Gel-Tolle vom linken Auge streichend. Mir wird langsam schlecht, ich halte mich aber zurück. „Was Du auch alles weißt, Schnucki!“ zirpt sie ihn schmachtend an.
Also – neuer Preis?“ Sogar durch Hochziehen der Augenbrauen versucht er sich noch größer zu machen. Ist das Kajal an seinen Augen? Vor mir hat sich nun ein Prachtbild von einem ewig jugendlich dynamischen Mann mittleren Alters aufgebaut, wie ein entlaufener Kleiderständer mit den angesagten Marken. Bestimmt Abiturient fürs Leben. Der Drei-Tage-Bart hat sicherlich viel Aufwand erfordert. Oh, wie bin ich oller Bücher-Verscherbeler beeindruckt. Wo er sich doch bereits als versierter Literatur-Durchblicker zu erkennen gegeben meint.
Klar doch“, sage ich, „am Preis kann ich was machen – sagen wir, weil Sie es sind: drei fünfzig?“ Er ringt nach Luft, mies gespielt wie von einem zweitrangigen TV-Soap-Darsteller. Die Anschmiegsame scheint meine kühne Forderung sogar leidlich verstanden zu haben, reißt Augen und Mund auf und kichert mit ihm irritiert um die Wette, voller Verunsicherung den Blick hin- und herwerfend. Bestimmt geraten beider Duftwolken nun durcheinander.
Also klar Meister – nach unten natürlich!“ Beide verdrehen einträchtig die Augen. Er weist herrisch mit vermutlich manikürten Fingerchen auf den Boden vor sich.
Ich schaue kurz aber betont über meinen Stand hinüber, direkt vor den beiden auf den Boden. „Nun gut, ich will nicht so sein, kann Sie doch gut verstehen – wir sind bei drei fünfzig – ich gehe runter auf … drei Euro – mehr Entgegenkommen ist aber nun wirklich nicht drin.“ Tückisch mache ich eine Kunstpause. „Hören Sie mal genau hin, kriegen Sie es mit?“ Verschwörerisch vereinnahme ich beider Aufmerksamkeit. „Können Sie es hören? Bis hier ist es zu vernehmen.“ Zwei blöde Gesichter starren mich an. „Hören Sie mal…“ Gebieterisch hebe ich einen Zeigefinger, unwillkürlich kommen die beiden teuer frisierten Köpfe ein wenig näher – und ich wispere unheilschwanger: „Meine Kinderchen schreien nach Brot.“
Er greift sein Blondchen so plötzlich, daß sie fast hinfällt, ehe sie wieder ihre Stöckelschuhe staksig in tackernden Trippelschritt bringt. Ihr Seitenblick streift mich voller Verachtung, als wäre mir das Geschäft meines Lebens entgangen: das habe ich nun davon. Irgendwas flucht er höhnisch prustend vor sich hin und findet wohl auch Beschreibungen für mich, denn sein Liebchen pflichtet ihm eifrig bei.
Sicherlich werde ich heute Abend wieder mit Tränen im Bett liegen – vor Lachen.

Mittwoch, 27. September 2017

Die Crux in der Kunst

Die Crux in der Kunst
(hier am spezielle Beispiel von Literatur und Film)


Nicht auszudenken, eine Weltgeschichte der Literatur (gilt übrigens auch für die Welt des Films) – OHNE Schilderung des eigenen Lebens der Schreibenden – und damit verbunden deren persönliche Umfelder: Familie, Beruf, eben die sie umgebenden Menschen, gemachten Erfahrungen und deren Erlebnisse. Da bliebe nicht viel übrig, glauben Sie mir.
Mir fällt da soeben Berthold Brecht ein, der sinngemäß verlauten ließ, für die Familie des Dichters sollten dessen Bücher verboten sein. Ich hole weiter aus: Dem ganzen Umfeld des Schriftstellers sollte der Zugang unmöglich gemacht werden, es wäre friedvoller. Es liegt doch auf der Hand, alle wollen nur zu gerne alles wissen: Aber nichts so wirklich über sich selber, fühlt sich doch gleich jede und jeder falsch dargestellt, auch wer nur im Ansatz als Orientierung erkennbar zu sein scheint (und der Knaller: manche erkennen sich selbst gar nicht als Vorlage – aber hämisch die anderen drum herum!).
Fast alle mögen Krimis – keiner würde aber gerne Täter oder gar Opfer sein. Begeistert in die Töpfe anderer reinschauen, völlig klar, nur „in mein Dippe aber schaut mir keiner!“ Es ist die Natur des Menschen, neugierig zu sein, aber gerne die eigene Privatsphäre weitgehend zu wahren. Es gibt hierzu wunderbare Anekdoten aus der Literaturgeschichte (z.B. Thomas Mann am Krankenbett von Gerhart Hauptmann, der sich später im Werk seines Nobelpreis-Nachfolgers wiedererkannte, sich unvorteilhaft geschildert empfand und es diesem bis ans Ende seiner Tage verübelte). Köstlich, noch in den höchsten Regionen der Literatur diese Eitelkeiten! Niemand ist also frei davon.
Ach, Hand aufs Herz: Nahezu jeder Mensch sieht sich im Grunde gerne gut wahrgenommen, doch bitte überaus positiv – möglichst im eigenen Sinne.
Was hierbei nicht bedacht wird, ist die nüchterne Erkenntnis, daß es stets nur DIE EINE Wahrheit ist. Es gibt mehrere – nämlich so viele, wie es Sichtweisen gibt. Und da rede ich noch nicht einmal von künstlerischer Freiheit, vom Verfremden, von Phantasie, oder einfach nur dem Hinzufügen oder Weglassen.
Es ist wie bei einem Unfall mit den Zeugenaussagen: Jeder hat es anders wahrgenommen, stellt Details anders dar, meint sich an etwas mehr zu erinnern oder weiß von irgendetwas nichts – gezielt oder unbewußt auslassend.
Nehmen Sie eine einfache Liebesbeziehung zwischen ZWEI MENSCHEN (an dieser Stelle bitte beachten: mein Bemühen, gendergerecht zu formulieren - irgendeine Spitze muß schon sein) – an die gemeinsame Liebe ist viel an beiden subjektiven Erinnerungen deckungsgleich, aber hören Sie mal beide Seiten, wenn es den Bach runtergeht…objektiv geht mit Sicherheit gar nichts!
Reine Phantasie ist kaum machbar. Immer wird alles irgendwie und durch irgendwas beeinflußt (nicht nur im Zeitgeschehen, dies gilt auch für das Genre mit utopischen und weltfernen Irrealitäten). Denn der Mensch, der schöpferisch tätig ist, kocht letzten Endes auch nur mit Wasser. Aber irgendwo muß er es auch herholen. Niemand wird von Luftsuppe satt. / Nahezu ausschweifend habe ich mich schon ganz früh hierzu ausgelassen*
Mit anderen Worten: Für jedes GELUNGENE literarische Erzeugnis (gilt auch für Filme) wird es Beifall geben, Lobhudelei auf breiter Front – aber irgendwo in einer Nische… wird geschmollt. IMMER! Und mit diesem Risiko leben AutorINNen (ich habe es wieder getan) wie Filmschaffende. Und nun sage noch einer, es sei kein gefährlicher Beruf!


*Über das Schreiben, die Literatur und das Menschsein, Essays und Dissertation
(1969 - 1974)

Montag, 18. September 2017

Besondere Eigenheiten

Marotten, Macken, Spleene, Ticks
(die kleinen Unterschiede)
Bei Kolumnen gerät man schnell ins Labern, Gedanken frei Schnauze absondern, auch grobe Klarheiten nicht nur für andere locker bekakeln. So geht es mir hier um die Gleichheit der Menschen. Ja, Grundgesetz: Alle Menschen sind gleich – der Gleichheitsgrundsatz – was aber bedeuten soll, daß alle von gleichem Wert sein sollten. Kühnes Ansinnen, aber daß sich alle gleichen, ist eh eine Phantasie. Ich will nun gar nicht mit Fingerabdruck, Iris und was es sonst noch so an individuellen Merkmalen gibt anfangen, es reicht, die einzelne Kreatur zu betrachten: „NiemandIN“ (der mußte nun sein, wie gesagt, Kolumne) gleicht auch nur sich selber (die zwei Hälften des Menschen: absolut nicht symmetrisch). Und das sind ja nur Äußerlichkeiten. Was hier mein Thema sein soll, sind lediglich die inneren „Werte der speziellen Art“.
Vor vielen Jahren hatte ich ein launiges Gespräch mit dem Personalchef, der verbal die Hände über dem Kopf zusammenschlug, was für ein schräger Vogel sein Vater sei: der decke abends immer schon den Tisch für morgens …Teller, Tasse, Besteck – ein Ritual in einem Zeitwert von rund zwanzig Sekunden oder so. Er lachte über seinen alten Herrn; daß er dessen Verstand aber in Zweifel zog, war unüberhörbar.
Ich hörte es mir an, dachte an meinen Vater, der als letztes Familienmitglied zu Bett ging, zuvor aber noch an der Wohnungstür, leise zählend, fünfmal die Klinke runterdrückte und rüttelte, was das Zeug hielt. Meine Mutter fiel mir ein, die auf wenig im Leben bestand, allerdings Wert darauf legte, daß die Küchenuhr, IHRE UHR, stets zehn Minuten vorgestellt zu sein hatte – und da verstand sie keinen Spaß, wenn man auch nur wagte, daran zu rühren ( ihre Begründung war der sie so gnädig erleichternde Moment: „Mein Gott, schon sooo spät – ach nein, sind ja noch zehn Minuten mehr Zeit!“). So lebten wir – und damit lebten wir. Wem schadet das?
Ich kommentierte das vorwurfsvolle Entsetzen des vorgesetzten Beamten nicht weiter, warum auch, gehörte er doch zu denen, die ich auch heute noch im nostalgischen Berufsrückblick allgemein als erträglich bezeichnen kann (und das ist gewiß eine gehobene Kategorie).
Ich erwähnte meine Eltern also in dem Moment nicht, was mit Sicherheit ein beflissener Radfahrer spornstreichs arschkriecherisch getan hätte. Viel naheliegender war für mich ihm klarzumachen, daß ich das prima fand, das mit seinem Herrn Vater – und daß ich es auch so handhabe (was damals, ehrlich zugegeben, noch nicht zutraf). Er erschrak ein wenig, da ihm auch nur der Ansatz zur Einsicht in das befremdliche Verhalten völlig abging. Ich erklärte es ihm: Wenn man ein wenig zur Melancholie neigt, und ich rede hier nicht von Depression, dann ist dies ein momentanes Gefühl der leichten Befriedigung sich zu vergegenwärtigen, es ist schon etwas „vorbereitet“ – man fängt also den Morgen nicht bei NULL an, es ist schon etwas zu sehen, bereits getan. Der alte Herr hat sich selber den Anstoß für den Tag gesichert. Ich rieb ihm nun nicht unter die Nase, daß sein Vater schließlich Witwer sei, ob er daran gedacht habe. In meinen Augen verschaffte sich der gute Mann damit eine kleine Lebenshilfe, eine Krücke.
Natürlich begriff es mein Gegenüber nicht, und so vertieften wir es auch nicht – es ist wie der Streit um Kunst, Geschmack schlechthin – es bringt nichts. ManIN (noch mal so ein kleiner Kick!) fühlt es – oder auch nicht.
Wann ich wirklich begann, abends und seit einigen Jahren sogar in der Nacht, Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen, weiß ich nicht mehr genau zu sagen – aber es hilft mir: Ich helfe mir also selber. Ich saufe nicht, rauche rein garnichts, ich schlucke auch keine nennenswerten Pillen, aber ich verfüge über meine eigene Lebenszeit nach meinem Gutdünken.
Schön, keine Rechenschaft schuldig zu sein / reine Vernunft offenbaren zu müssen. Der Wert, den auch nur so eine kleine Eigenheit hat, den kann eine außenstehende Person ohnehin nicht nachvollziehen – also. „so what“, wie es so schön neudeutsch heißt.

Samstag, 2. September 2017

C-Promis

Der Promi-Händler

Sklavenhändler, sagte neulich einer. Soviel vorweg: Keiner wird gezwungen, alles ist freiwillig – Gedanken an Sklavenhandel weise ich entschieden zurück. Absoluter Blödsinn!
Es gibt ungeschriebene Gesetze, aber es gibt keine Garantien. Mit einem Hit von vor vierzig Jahren läßt sich auch weiterhin noch leben, mit einem Bestseller vom letzten Jahrzehnt nicht. Olympiasieg oder Weltmeistertitel sind keine Garanten für unsterblichen Ruhm. Die Ex von jemand Bekanntem sein kann weiter tragen, ein alter Mime ohne neue Filme kommt nicht mehr zurecht. Traurig zwar, aber nüchtern gesehen: die Realität. Es ist eine harte Zeit geworden. Auch ich muß sehen, wo ich bleibe in diesem Optimierungsrausch.
Und damit sind wir auch schon bei den beiden Gruppen meiner Klientel: Die schon einen Namen mitbringen, also Altlasten einerseits (Vorsicht vor der Falle „Tragik“), und die Träumenden, die „Ich-möchte-so-gerne-einmal“-Leute. Diese Neulinge sind mir weitaus lieber. (Posieren, das haben die Mädels schon früh geprobt, umso besser, die smarten Softiebuben sind schwerer zu lenken.)
Ich will mal so sagen: Wenn man den erfahrenen Prachtfisch am Haken hat, den echten Prominenten, sich wirklich ganz und gar auf dessen Management versteifen kann: Der Joker. Aber das ist nur wenigen vergönnt. Die Schar der Willigen, frech gesagt, C-Klasse, alt wie neu, ist schier unüberschaubar. Und sie brauchen eine Hand, die sie lenkt. Und nur aufs Pferd helfen, um sie dann davonreiten zu sehen, also bitteschön, blöde bin ich ja auch nicht. Wer bei mir „Vertrag hat“, wie es heute so schön in der Fußball-Dumpfbacken-Sprache heißt, der ist mir auch für längere Zeit verpflichtet. Nur durch mich erhält SIE oder ER die Chancen, Sprungbretter zu nutzen, zum Beispiel erster „Roter Teppich“ (Red Carpet, aber ich will mich bemühen, unseren üblichen internationalen Jargon zurückzustellen). Mit der unumgänglichen Unterschrift zu meiner Absicherung beginnen ja meine Bemühungen für den „Möchtegern-Star“, und es ist nicht immer alles erfolgversprechend, sie machen meist die Anfängerfehler – auffallen, auf jeden Fall, aber nicht überziehen: Das Gesetz Weniger ist mehr gilt unbedingt. Für den potentiellen Skandal ist nicht jeder geeignet. Manchmal ist für ein hübsches Gesicht schon eine kleine Rolle in einem Werbeclip der Start, entsprechende weibliche Körper an die Seiten von B-Promis platzieren und zu Galas führen – ideal. So manche Operation (Optimierung!) kann unerläßlich sein, auch bei Herren, Metrosexuell ist heute ein Zeitzeichen.
Auffallen, in den Fokus rücken, ganz ganz wichtig. Wenn sie erst mal bei Preisgalas auflaufen, die halbe Miete. Wenn dann schon mehr Angebote kommen, die Zeit des Klinkenputzens der Vergangenheit angehört, dann kommen wir ins Rennen. Deshalb ja die Klauseln auf Jahre. Oft wird dann schon gemault, zu gerne würden sie aus dem Vertrag raus, aber so läuft das nun mal nicht – ich habe den ersten Schritt ermöglicht, nun haben sie gefälligst abzuliefern, also Einsatz und einen netten Obulus an mich, ohne Moos nix los, nicht wahr? Ich habe ja investiert. Sie tauchen dann in der obligaten Presse (Yellow Press) auf, kommen möglichst häufig in den Boulevardmagazinen vor …egal, wenn nicht nur positiv: markant sein, sich eine Marktlücke erkämpfen, so lautet die Devise. Was soll‘s, wenn sie mit einer Schwäche/einem Makel daherkommen: das kann doch ihr Markenzeichen werden! Sich davon zu distanzieren ist todsicher Harakiri, dann sind sie wieder im Meer des Nichts. Und sie wollen doch Promis sein, also dann bitte bei der Stange bleiben. Ein neues Image könnte später zur Debatte stehen, wenn sie richtig Fuß gefaßt haben, nicht früher. Eine „Umdeutung“, also neue Präsentation, birgt gewaltige Risiken. Daran zunächst noch nicht einmal denken.
Und wenn erst mal das Trash-TV erreicht ist, dann ist es eigentlich geschafft. Dschungel, Kochshows und Klamottensendungen, Auswandern oder Gärten betreuen, Reparieren und Testen, es gibt Dutzende von Doku-Soaps, wer sich da seinen Platz erobert, ist in trockenen Tüchern. Singerei, Big-Brother-Formate – hervorragend! Talkshows – ganz große Klasse! Und Tanzen natürlich nicht zu vergessen! In jedem Falle will ich beteiligt bleiben, so schnell lasse ich sie dann nicht vom Haken, ich bin ja nicht bescheuert. Sie haben ihren Willen, ich mein garantiertes Auskommen.
Schauen Sie: Hausjurist, Sekretariat, das alles will unterhalten sein. Meine Firma, Umschlagplatz für alle Verträge. Und meine Leute wollen ordentlich bezahlt sein. Also muß von der Klientel abgeliefert werden. Nicht immer klappt es, meistens eigentlich nicht, Eintagsfliegen, aber es steht ihnen nicht auf die Stirn geschrieben, ob sie allem gewachsen sind. Und das ist auch für mich spannend. Wer zeigt Potential, wer hat das Zeug, sich zu bewähren, einmalige Chancen beim Schopf zu fassen – immer wieder eine ungewisse Herausforderung. Also – ich finde das spannend!
Wenn dann mal Sucht-Vorfälle und Depri-Phasen kommen, übrigens häufiger als man denkt, muß das nicht geschäftsschädigend sein. Richtig ausgeschlachtet liegt bei manchen hier ihre echte Berufung. Tragik ist nicht gleich Tragik. Klingt vielleicht hart, aber glauben Sie mir, nur zu gerne machen sie letztendlich mit. Von ihnen selber kommt der Ruf aus einer Klinik oder von einem Rückzugsort, sie haben Blut geleckt, dankbar sind sie, wenn ich der Presse Hinweise gebe und Paparazzi ganz zufällig ihre Kreise „stören“. Das ist sehr oft abgesprochen, von mir gecoacht und eingefädelt! So läuft das! Fettnäpfchen, gut platziert, sind Sprungbretter, wenn sie richtig genutzt werden. Das richtige Format ist Grundlage für die Weiterführung (bei Stars von gestern gibt es Plattformen, wo das Publikum mitgealtert ist, man mag es Tingelei nennen, also „Revival-Shows“ – das kann sehr lange gutgehen und tragen).
Ich neige auch zu Szenen: Meine Güte, mußte sie jetzt mit dem in die Kiste springen, herrje, konnte er denn nicht dieses eine Mal die Faust in der Tasche machen – Du lieber Himmel, ausgerechnet jetzt lassen sie das Maul laufen, es ist doch gar nicht abgecheckt, was wir daraus machen können. Spannend, wie gesagt, die Aufgabe, das Problem zu lösen, nicht unbedingt zu beseitigen: Was draus machen! Ich mag meinen Beruf.
Gerne auch eine Liaison anstreben, untereinander mit Win-Win-Aussicht – der Zeitraum kann sogar im Voraus abgeklärt werden; und wenn’s mal läuft – Wiederholungen. Bruch – gerne, aber laut! Alles ist möglich und weitestgehend erwünscht. Kriegen sie sich oder haben sie noch, wundervolle Angebote für das Publikum. Ein Kardinalfehler, davor zurückzuschrecken! Den Leuten das Miterleben bieten, hautnah – da kann nichts verkehrt dran sein.
Manche bleiben auf der Strecke, dann erkenne ich auch, daß es keinen Zweck mehr hat, zu investieren. Der Kampf gegen die Halbwertzeit; sie tun einfach alles, das ist das Gute. Keine Grenze zur Peinlichkeit, kein Schamgefühl: heute unersetzbar. Sonst brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Auch die noch so kleine Randnotiz, das Erscheinen auf Sammelfotos – alles kann der Beginn für das Showgeschäft sein. Und wer es nicht will, der muß halt selber weitersehen. An Nachrückern mangelt es gewiß nicht, unzählbar die Schar derer, die vom Kuchen abbekommen wollen. Also müssen sie auch was dafür tun – nur sich ins Blitzlichtgewitter werfen, klappt nur als Lotteriespiel – richtig aufgebaut werden, sich einlassen, dann ist auch viel möglich. Garantien gibt es niemals. Wer seinen Vertrag voll erfüllt hat, kann letztlich auch gehen, bitte, dort ist die Tür. Aber ich sichere mich ab, da gibt es juristische Finessen, wie ich mir auch meinen Anteil sichere, wenn sie glauben, mir entkommen zu sein. So nicht! Es ist ein Geschäft, ich bin Geschäftsmann und es geht um viel Geld – da bin ich wachsam. Wenn man dem nicht gewachsen ist, sollte man die Finger davon lassen. Mich als aalglatt, rücksichtslos, eiskalt und zynisch abstempeln – von mir aus, das geht mir am Allerwertesten vorbei. Ich bin in meinem Fach auch Profi, ich drängele mich nur nicht ins Rampenlicht!
Es ist doch wie überall: Jeder ist selber am Ende seines Glückes Schmied.
Und komme mir nun bitte niemand mit Moral. Wie ist denn da der Staat aufgestellt, der die Tabakindustrie zum Aufdruck von Ekelbildern zwingt aber tüchtig die Steuern einsackt? Krokodils-Tränen. Natürlich abgesichert mit diesem „Wir-haben-doch-darauf-hingewiesen“….aber nur zu schön, satt zu profitieren.
Und Showstars als Vorbilder – nun aber mal Butter bei die Fische. Vorbilder sind Elternhaus und in der Erziehung und Bildung ist die Schule am Zug. Der Politiker vielleicht ein Sonderfall, aber nicht der Star vom TV. Öffentliches Ansehen und Auffälligkeit kann man schon trennen. Die Eigenverantwortung, die bleibt doch wohl beim Einzelnen. Wie gesagt: Es muß ja nicht jeder ein Promi sein – und wer danach strebt, begibt sich dahin auf eigenes Risiko. Jeder muß abwägen, wieviel er bereit ist zu geben. Behinderte wollen nicht bedauert werden, Promis schon - wenn es hilft.
Mein Job boomt nach wie vor – aber sicher ist nix. Wie Fabrikarbeiter durch Roboter bedroht sind, die Musik- und Buchindustrie durch das Internet, so lauert für Unsereinen auch Gefahr in der Selbstvermarktung: Das vermaledeite Netz, die Jugend macht sich heute selbst zu Stars. Das ist schon vertrakt. Aber es gibt noch genügend, die uns, dem professionellen Management, vertrauen – Erfahrung macht was, und wer sich sonnen will, muß es scheinen lassen. Ich bin zufrieden, es läuft besser denn je.

Mittwoch, 9. August 2017

BEGEGNUNG AUF DEM FLOHMARKT

Verrechnet – Begebenheit auf dem Flohmarkt
(eine fast wahre Anekdote um abweichende Interessen)
Es ist nun schon ein paar Jahre her, diese Begebenheit. Und wie jeder andere auch, so behalte ich Erfolge besser in Erinnerung als Niederlagen.
Sonnige Flohmärkte locken mich, es sind einige, die mir besonders lieb in meiner heimischen Umgebung sind. Wie schon wiederholt hier bei den Kolumnen und Satiren beschrieben, grase ich dort die Bücherkisten ab, das ist so mein Ziel. Und ich habe, wie auch für DVDs und CDs, eine Bücherkladde dabei, nur im Gegensatz zu den beiden anderen stehen hier die Ausgaben drin, die ich habe und nicht, die ich suche (Ausnahmen gestehe ich ein). Es gibt Autorinnen und Autoren, die mir einfach liegen, und von denen sammele ich weitgehend alles (ersetze abgegriffene Taschenbücher gegen schön Gebundenes und so weiter). Und besonders mag ich, mit Gefundenem (aber gar nicht unbedingt Gesuchtem) meinen Bestand zu ergänzen.
Ich befand mich am besagten Tag an einem „Familienstand“; das sind die angenehmsten, drei Generationen hinter dem voll beladenen Tapeziertisch – und davor, wie von mir gerne begrüßt, Kartons mit Büchern. Und dann sehe ich in einem Karton voller Krimis einen Grisham, eine neuwertige gebundene Ausgabe, ich lege mir dieses toll erhaltene Exemplar, für mich noch ein Zweifelsfall, auf den Rand des Kartons, zücke meine Suchliste und schaue, ob ich diesen Justizthriller schon in gebundener Form habe (es gibt da nämlich eine Vielzahl, die ich auszutauschen gedenke), da stehen neben mir ein relativ junger Vater mit seiner rund zehnjährigen Tochter. Während der aufgekratzte Erziehungsberechtigte mit der jungen Frau vom Stand schäkert, greift sich das liebe Töchterlein „mein“ Buch, also das von mir reservierte, derweil ich ja in meiner Mappe blättere. Ich sage sofort, nein, das laß mal bitte liegen und daß ich es mir vorgemerkt habe, und nur noch nachschaue, sofort ergreift der Vater das Buch, schaut es sich betont langsam an und versucht, die volle Aufmerksamkeit der netten Frau ganz auf sich zu ziehen. „So, was haben wir denn hier? Aha – ein Krischahm, na, der ist ja was wert.“ Feixend sucht er den Zuspruch der Dame. Die kleine Tochter ist irritiert … natürlich sagt sie nichts.
Na, was sind Sie denn bereit zu zahlen?“ wendet er sich nun erhaben an mich direkt. Ich denke, ich höre nicht richtig. Noch mal versuche ich es aufzuklären. „Ich schaue nur noch zur Sicherheit in meiner Kladde nach, ich möchte das Buch schon kaufen, ich habe es eben aus dem Karton geholt und mir auf den Rand gelegt, da ich mit beiden Händen hier nun blättere…“ - „Da kann ja jeder kommen, hat Ihnen meine Tochter das Buch etwa aus der Hand gerissen?“ hebt er rhetorisch aufwallend an und sein selbstgefälliges „Na bitte!“ hängt er postwendend an. Dabei grinst er zu der Frau vom Stand, die zunehmend verwirrt ist, aber der Drecksack will sich partout aufspielen und bleibt am Ball. „Also, was ist es uns denn wert?“
Jetzt überschlagen sich meine Gedanken – soll ich kämpfen, und zwar mit allen Mitteln, mich bei der Verkäuferin vergewissern, daß dieser Vogel nicht von ihr als Verkäufer angestellt ist – dann haben wir einmal vor uns einen Dieb und zugleich einen Hehler. Ich spiele mit dem Gedanken, meinen Dienstausweis zu zücken und mein altes Pokerspiel zu eröffnen. Ich darf das eigentlich gar nicht als Verwaltungsbeamter der Polizei, Amtsanmaßung, aber ich könnte ihn vorführen – die Chance, daß er ein Kollege oder gar Anwalt ist, würde ich durchaus riskieren, das wäre nicht das erste Mal. Das bringe ich fertig.
Andererseits würde ich ihn vor seinem Kind bloßstellen, das kleine dumme Ding weiß eh nicht, was hier gespielt wird. Schaut nur mit offenem Mund dusselig von ihrem selbstherrlichen Vater zu mir und zurück.
Ich will es nicht auf die Spitze treiben – aber sein Spielchen mache ich nicht mit. „Was es Ihnen wert ist, weiß ich nicht, mir wäre es drei Euro wert gewesen – aber bitte“, wende ich mich nun süffisant an die Verkäuferin: „Ihr Kunde – lassen Sie es sich gut bezahlen, ich überlasse Ihnen diesen zahlungswilligen Kunden!“ Und zeige auf den augenrollenden und nun völlig verdatterten, vermeintlichen Verkäufer, der prompt durch mich zum Kunden wird.
Hinter mir höre ich noch seine Irritation, „Verstehen Sie denn keinen Spaß, he SIE, was ist? Hier, kaufen Sie das blöde Buch, kommen Sie zurück!“ Ich schalte auf Durchzug, genieße es, daß er sich nun sicherlich händeringend rechtfertigen muß und hoffe, daß die geleimte Frau zumindest ihre Empörung äußern wird und er seine kratzfüßigen Bemühungen einstellen kann. Wie auch immer, ich kehre nicht um. Natürlich nicht. Diesen Sieg koste ich aus.
Übrigens: den besagten Grisham habe ich, sogar gebunden, wofür also dieser Wind. Aber geärgert hat es mich schon und ich bin Giftzwerg genug zu wünschen, daß dieser Möchtegern auch die Grenze seines Vergnügens überschritten hatte – zufrieden grinsend hakte ich das ab, damals, Jahre her.
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Nein, die Geschichte stimmt natürlich nicht: Es war in Wahrheit ….ein Ostfriesenkrimi von Hans-Peter Wolf, und die habe ich nahezu alle. Immer als günstiges Taschenbuch.